Ariane

1-

Warum quälte sie sich denn überhaupt aus dem Bett? Es war viel, viel zu früh, um einer sinnvollen Beschäftigung nach zu gehen und doch setzte sie ihren linken, nackten Fuß auf den kalten Dielenboden, richtete den Oberkörper auf, warf die warme Daunendecke zurück und hielt inne. Nach wenigen Sekunden hatten sich ihre haselnussbraunen Augen an die Dunkelheit gewöhnt und sie schwang auch das rechte Bein aus dem Bett. Rein in die Hausschlappen und mit zügigen Schritten aus dem Schlafzimmer. Bernd schlief noch – das Schnarchen unüberhörbar. Zwanzig Minuten hatte er noch, bevor auch er aufstehen musste. Gemütliche zwanzig Minuten, die auch Ariane sich wünschte. Gerne wäre sie neben ihm liegen geblieben, hätte seinen ruhigen Herzschlag im gemeinsamen Bett gespürt, seine Körperwärme durch das weiße Baumwollt-shirt gefühlt und so getan, als ob sie seine lauten Schnarcher nicht bemerken würde. Doch stattdessen  ging sie ins Bad. Streifte sich das hellblaue Top über den Kopf und zog die dazu passende Schlafanzughose aus. Auf dem metallenen Hocker trafen sich die beiden Kleidungsstücke wieder – einfach hingeworfen. Ihre Besitzerin hatte sich schon in die Duschkabine bewegt, zog die Glastür hinter sich zu und ließ mit einer einfachen Handbewegung warmes Wasser auf ihren Körper fallen. Wachwerden. Die angenehmen Träume der Nacht geraten in Vergessenheit. Wer war es nochmal, der meinen Namen gerufen hat und mich in den Park entführt hat? Bernd? Oder einer der Jungs? Genau wie das Wasser an ihrem Bauch runter in die Duschwanne perlt, so verschwinden auch die Erinnerungen an den Traum. Shampoo in den Haaren, Schaum des nach Kokosnuss duftenden Duschgels am ganzen Körper und Wasser um die Fußspitzen. Das ist der angenehme Teil eines jeden Tages – natürlich nicht der einzige angenehme Teil, denn davon gibt es viele im Leben der Ariane Truf. Eine Frau fortgeschrittenen Alters, angekommen an einem der unzähligen, doch jeweils einzigartigen, Wendepunkte ihres Lebens.

Im Flur, auf dem Weg in die Küche, trifft sie auf den nächsten Bewohner des dreistöckigen Hauses. Ares. Hund und Freund. Laut bellend und mit dem schwarzen, buschigen Schwanz wedelnd begrüßt er sie. Frühstück will er, genau wie sein Herrchen und auch der Sohn in einigen Minuten. 6.48 schreien die neon gelb leuchtenden Ziffern auf dem Display des Küchenradios. Ariane reibt sich die Augen; will ihre Schläfrigkeit vertreiben. Ein sinnloser Versuch. Zwei Teller, zwei Tassen und jeweils zwei Messer und Kaffeelöffel nimmt sie aus dem weißen Hängeschrank und der dazu passenden Schublade und deckt den Tisch. Für Bernd und Gabriel – sie selbst wird später essen. Sie hat Zeit, kann in Ruhe essen. Einer der angenehmen Teile ihres Lebens. Als nächstes die Margarine und die Milch aus dem Kühlschrank, die selbst-gemachte Erdbeermarmelade vom Tresen, das Brot aus der Brotbox und das Kakaopulver für ihren Sohn. Mit einem Klick erweckt sie auch die Kaffeemaschine zum Leben und von nun an erfüllt das leise, gleichmäßige Surren des Automaten die Küche. Auch der Hund ist zufrieden, er hat Futter von Frauchen bekommen und danach noch eine extra liebevolle Streicheleinheit. 6.54 – Ariane setzt sich an den Küchentisch und greift in die nächste Schublade. Aschenbecher, Feuerzeug und Zigaretten kramt sie heraus. Die erste Zigarette des Tages – noch einer der wahnsinnig schönen Momente. Man könnte meinen, ihr Leben sei voll solcher wunderbaren Momente, doch damit hätte man sich getäuscht. Dem ist nicht so, hätte Ariane vehement dagegen gesetzt. Nein, und widersprochen wird nicht. Das macht man einfach nicht. Nicht bei einer Frau ihres Kalibers. Fünf Minuten später, der Aschenbecher beinhaltet die sterblichen Überreste der Zigarette. Ihre Seele wurde aufgesaugt. Zug für Zug. Langsam, genüsslich. Mit jedem Atemzug ein bisschen Mut. Mut für den Tag. Mut um aufzustehen, die 27 Stufen in die dritte Etage hochzulaufen, zuerst an die mit Postkarten beklebte Tür zu klopfen und dann wieder das Schlafzimmer zu betreten. Mut um den schlafenden Mann in der blau – rot karierten Schlafanzughose zu wecken und dem so einladenden Raum mit dem betörenden zwei mal zwei Meter Bett den Rücken zu zuwenden. Die Stufen runter, zurück in die Küche. Der Kaffee ist schon zur Hälfte durchgelaufen. Dunkle Brühe – ready to drink. Oben läuft die Dusche, erst kurz, dann eine Weile gar nicht und dann lange: Bernd und dann Gabriel. Und in genau dieser Reihenfolge kommen sie auch hinunter in die Küche. Zur Ehefrau und zur Mutter. Ein Kuss, ein Hallo und dann das Frühstück. 7.15 – zwei leere Teller stehen gestapelt auf der Ablage. Arianes Taten laufen rückwärts: die Teller werden gespült und wandern zurück in die Schränke. Das Gleiche geschieht mit den Tassen und dem Besteck. Margarine und der halbleere Milchkarton zurück in den Kühlschrank. Das Marmeladenglas zurück auf den Tresen rechts neben dem Küchentisch und das Kakaopulver auch zurück an seinen Platz. Dann wirft Ariane einen Blick auf den Kalender. Das Weihnachtsgeschenk der Söhne hängt an der Wand hinter dem Tisch. Im Monat August lachen ihr zwei fast identische Gesichter entgegen. Die Kinder – damals;  vor vielen Jahren; im Familienurlaub in Griechenland. Beide in Badehose am Strand vor einer Sandburg. Zwei stolze Lächeln in den braungebrannten Gesichtern. Eine schöne Zeit – eine vergangene Zeit.

2-

Ein wenig putzen und viele Telefonate dominieren ihren Morgen. Jeden Morgen. Sie saugt den gleichen Boden, hebt immer wieder den beigen Teppich aus Marokko hoch und befreit die Fotos auf der Anrichte gelegentlich vom Staub. Immer pünktlich um elf wählt sie die gleichen Nummern, vierstellige Telefonnummern, für alteingesessene Leute in ihrer Stadt. Susanne und Ulla – ihre Freundinnen, die sie schon seit ihrer Schulzeit kennt. Die Brote haben sie geteilt, um die Jungs haben sie sich gestritten. Heute ist es anders – ein viel ausgeglicheneres und routiniertes Verhältnis zwischen den drei Frauen. Nach dem Austausch wichtiger Informationen; Klatsch und Tratsch; gibt es die nächste Zigarette. Dann will der Hund raus und sobald er müde in der Ecke liegt, wird gekocht. Montags und Mittwochs Nudeln, Dienstags und Donnerstags Fleisch und am Freitag oft einen Eintopf oder auch Fisch; das variiert. Beide Männer kommen gegen 13 Uhr nach Hause – hungrig und wenig gesprächig. Ariane danken sie für ihren unersetzlichen Einsatz im Haus, sie nimmt dieses Lob kaum noch wahr, denn sie hört es jeden Tag aufs Neue.

Heute ist Mittwoch: Das bedeutet Nudeln. Penne mit Bolognesesoße von den Köchen bei Barilla. Guten Appetit – sie hat keinen Hunger und sitzt nur lustlos daneben. Niemand hat etwas zu erzählen; sie am allerwenigstens; und so sitzen sie schweigend am Tisch. Es dauert nicht 10 Minuten, da quietschten die Edelstahlbeine von den Stühlen auf dem Boden, während sie zurückgeschoben werden. Gabriel steht auf, bringt seinen tiefen Teller mit einem Rest Soße und dem Besteck und sein noch halbvolles Glas zur Spüle. Das Wasser kippt er ins Waschbecken und steigt die Stufen in die obere Etage hinauf. Zimmer Tür auf, wieder zu und schon ist er weg. Die Eltern sitzen noch in der Küche. Bernd schaut seiner Ariane in die Augen: “Du siehst gut aus, Schatz”. Ein leichtes Lächeln huscht über ihre Lippen. Ein guter Moment in ihrem Tag! Leider verfliegt er viel zu schnell, denn Bernd muss weg. Er muss wieder los. Er hat noch etwas vor; auch wenn es nur Arbeit ist, ist sein Nachmittag ausgefüllt. Die Frau hingegen bleibt noch sitzen in der Küche, behält den glücklichen Moment vor Augen. Genießt ihn und spielt diese kurze Sequenz immer wieder ab. “Du siehst gut aus, Schatz”. Sie hätte ihn küssen sollen. Das hätte den Zauber verlängert. Das hätte die Monotonie gebrochen. “Du siehst gut aus, Schatz”. Vor vielen Jahren wäre der Satz nicht einfach so im Raum stehen geblieben. Er war immer der Anfang von mehr. Nach dem Kuss hätte sie

Los, hoch vom Stuhl. Die Küche will geputzt werden, die Teller in die Spülmaschine und die leeren Flaschen in den Keller geräumt werden. Dem Hund würde ein Spaziergang gut tun. “Und mir? – Was würde mir nicht alles gut tun.” dachte sie träumerisch. “Ja, was würde ich denn jetzt eigentlich tun wollen?”.

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