Robert & David

1-

Und da saßen sie nun: die beiden Studenten, die darauf hofften, ein neues Leben zu finden. Eine neue Stadt – die verspricht Aufregung, Abenteuer und ein wenig Anonymität. Eine neue Stadt – das bedeutet von vorne anzufangen, sich neu erfinden und nicht an alte Geschichten und dumme Fehler erinnert zu werden. So hatten sie es sich ausgemalt: Der Start ins dritte Semester fernab der Heimat, der Familie und der Freunde, die einen allzu gut kennen. Fernab alldem, was schon gesehen war. Fernab alldem, was schon geschehen war.

Nicht nur waren sie auf der Suche nach einer neuen Stadt, sondern auch nach Neuen, die sie umgeben würden. Mädchen. Großstadtmädels mit viel Erfahrung und ohne Ansprüche. Ohne Zwänge und Verpflichtungen, dafür mit viel Freiraum und Freiheiten; ja so ungezwungen stellten sie sich das Leben in der Großstadt vor. Die Mädchen sollten ihnen Platz zum Atmen lassen und auch sonst dachten sie, nur das tun zu können, was Spaß macht und befriedigt. Berlin war der Ort, dessen Namen man außen auf einer Anzeigetafel am ICE lesen konnte und der, der diese Träume erfüllen sollte. Die Reise der beiden 21jährigen führte nach Berlin. Von der Kleinstadt in die Metropole. Vom Leben in geordneten und behüteten Verhältnissen, hinein in die große Welt, ins kreative Chaos und in endlose Partynächte. Ihre Erwartungen waren groß; überdimensional; nicht in der Realität verankert. Sie würden tief fallen – das war klar. Zumindestens für alle außer Robert und David. Zwei Jungen vom Lande. Der eine Lehrersohn, der andere aus einer Juristenfamilie stammend; beide auf dem Weg in die Eigenständigkeit. Zusammen und doch jeder auf die eigene Faust.

Im nächsten Abteil saßen zwei, die ebenfalls direkt auf ein Abenteuer zusteuerten. Die gleiche Stadt zum Ziel gesetzt und trotzdem ein anderer Kurs. Zwei hellblonde Mädchen mit riesengroßen Rucksäcken, die sie zu Anfang ihrer Reise mit Mühe und unter Ächzen auf die Ablage gehievt hatten. Es baumelten zwei Schlafsäcke und dazu passende,selbst aufblasbare Isomatten herunter und stießen immer wieder, im Takt des durch die Landschaft rasenden Zuges gegeneinander. Urlaub – eine ganz andere Art von Abenteuer und dennoch blickten die zwei genauso nervös aus dem Fenster wie David und Robert im Nachbarabteil.

Anspannung – was erwartet sie in der fremden Stadt? Die Hauptstadt ihres Heimatlandes – was bot sie? Was würde passieren? Wie würden sie sich verändern?

Auf dem Weg zur Toilette kam die größere der beiden blonden Mädchen an David vorbei, der zwei mit Kaffee gefüllte Styroporbecher in der Hand hielt. Sie musterte ihn. Er musterte sie. Intensiv und lange. Zufrieden begutachtete er ihre langen, gold gebräunten Beine, die lässigen kurzen Strandshorts, das weiße, hautenge Top, welches durch das HIn – und Herschaukeln im Zug ein wenig hochgerutscht war und so einen funkelnden Stein in ihrem Bauchnabel entblößte. Sie missbilligte seine Blicke; fühlte sich von seinem offensichtlichen Starren ausgezogen. Doch ihm entging diese feine, aber alles entscheidende Nuance in ihren hellen Augen. So zog er seine linke Augenbraue hoch und zwinkerte ihr vielsagend zu.

Sie ging weiter, versuchte ihn keines Blickes zu würdigen. Doch der Drang war zu stark. Nach nur wenigen Metern in dem engen Gang, rechts an mit Gardinenverhängten Zugabteilen vorbei, drehte sie sich um; wollte ihn von hinten in Augenschein nehmen. Etwa 1,80 m groß, sportliche Statur, ein muskulöses, aber nicht übermäßig breites Kreuz, ein knackiger Po in tiefsitzenden, ausgewaschenen Jeans, dazu Asics Tigers und ein schwarzes T-shirt mit der Aufschrift “Female Body Inspector” auf dem Rücken. “Pah”, schnaufte sie verächtlich und setzte ihren Gang zur Toilette fort. Enttäuscht war sie – wie hätte es auch anders sein können? Ein gutaussehender Mann mit Ausstrahlung ist gleich angeberischer Aufreißer – war das eine ungeschriebene Regel? Allgemeingültig – überall, egal ob Leipzig oder Berlin? Ob Europa oder USA? So kam es ihr vor und so hatte sie es aus den Erfahrungen ihrer Freundinnen und älteren Schwestern gelernt. Scheinbar gab es keine smarten Kerle, dessen Selbstvertrauen nicht die eigene Körpergröße überstieg. Und doch fiel sie immer wieder auf die gleichen Tricks dieser Species rein – ein breites, offenes Lächeln, aufrichtige Augen, ein nettes Zwinkern und einfacher Smalltalk gespickt mit weniger lustigen Sprüchen.

Auf dem Rückweg von der Zugtoilette lief sie an dem Abteil vorbei, in welches David einige Minuten zuvor mit den beiden Kaffeebechern verschwunden war. Die Jungs hatten in der Zwischenzeit ihre Ipods rausgekramt. Die beiden Einwegtassen mit der dampfenden Flüssigkeit hatten sie auf der Ablage über dem Mülleimer abgestellt. Ihre Köpfe an die Wand gelehnt, schauten sie den Bäumen hinterher, die an der Glasscheibe vorbeizogen. Aus den einen Kopfhörern drang sämtliche Bauchdecken zum Beben bringender Bass in das sonst stille Abteil, während Robert sich eingängigen Rockrhythmen widmete.

Beide unterschiedlich, versuchten sie trotzdem sich zu einem zu vereinen. Zu zweit haben sie wenigstens ein Stück Heimat dabei, hatte Roberts Mutter immer gesagt und sich damit selbst beruhigt. Ja, es fiel ihr wahrlich schwer, sich von ihrem Ältesten loszusagen. Davids Eltern hatten ebenfalls große Angst, doch gleichzeitig die Gewissheit, dass Gott ihren Schützling auf den richtigen Weg führen würde.

2- 

Der richtige Weg führte in diesem Falle in die Combahnstraße 129 in den fünften Stock, Wohnung 5 C – eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern, einer großen Küche, dafür einem mickrigem Wohnzimmer, einem engen Badezimmer und einem Balkon mit Blick in die gegenüberliegenden, genauso gestalteten Wohnungen. Berlin Mitte – sehr zentral – in unmittelbarer Nähe zur Humboldt Universität unter den Linden. Ein verhältnismäßig hoher Preis, doch den zahlen die Eltern gerne. Man studiert ja schließlich nur einmal.

Innerhalb weniger Tagen hatte sich die Wohnung in ein Zuhause für die beiden Studenten verwandelt. Da, wo Robert geordnete und geradlinige Verhältnisse liebte, da regierte bei David das Chaos. Gemeinsam hatten sie die Wände gestrichen: weiß den Flur – klassisch hatte Robert gesagt und David spekulierte darauf, später Handynummern sämtlicher Berliner Mädchen mit einem dazu passenden Kussmund auf der weißen Farbe zu verewigen. Auf Roberts Anraten hatten sie das Wohnzimmer in olivgrün gestrichen, welches gut mit dem Pakettboden harmonierte. Bei der Stereoanlage waren sie sich einig und so lag der Hauptmerk auf den Boxen, die auf dem Boden platziert wurden. Die einfachen weißen Sofas, gesponsert von Davids Eltern, fügten sich gut in den Gemeinschaftsraum ein. Die Küche beließen die beiden so, wie sie war. Weiß – ziemlich puristisch, doch nicht überhaupt nicht steril wirkend. Für Farbkleckse sorgten jedoch immer wieder die Essensreste auf den Tellern, die sich in der Spüle stapelten, die Kaffeflecken auf den Ablageflecken und die leeren Wein – und Bierflaschen, die eifrig neben dem Kühlschrank gesammelt wurden. Der Kühlschrank war stets leer, doch das leise Surren der Kaffeemaschine neben der Spüle füllte den Raum.

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